Peter Pankratz , August 2004
Funktionen der Messungen sportlicher Bewegungen
Viele praktische Handlungen im Alltag und im Beruf setzen diagnostische Informationen voraus.
So wird ein Arzt kein Medikament verabreichen, ohne den Patient vorher befragt und untersucht zu haben. Aufgrund der Symptome und der Abweichungen von der „Norm“ wird dann eine Diagnose (=Benennung einer Krankheit) erstellt und anschließend die medikamentöse oder therapeutische Behandlung eingeleitet.
Unter Diagnose im Sport versteht man die Erfassung des physischen (körperlichen) oder psychischen (seelischen) Ist-Zustandes.
Welche Bedeutung hat nun die Diagnostik in der Schule? Die „Unterrichtsdiagnostik“ ist ein wichtiger Bestandteil für das pädagogische Handeln eines Lehrers. Damit Schülerinnen und Schüler ihre Leistungsfähigkeit einschätzen können, ist es wichtig, dass sie in regelmäßigen Abständen Rückmeldungen über ihren Leistungszustand erhalten.
Messen und Bewerten und die Reflektion darüber sind Charakteristika der Schule und somit Bestandteil der diagnostischen Tätigkeit des Lehrers.
Genauso, wie Tests im Fach Mathematik gemessen und bewertet werden, können auch sport-liche Leistungen gemessen und bewertet werden.
Messen und Bewerten
Messen und Bewerten sind getrennte Vorgänge. So benötigt man für das Messen Messgeräte mit deren Hilfe man die Weite eines Sprungs oder die Zeit eines Laufs messen kann. Lautet das Ergebnis bei einem 17 jährigen Mädchen beim Standweitsprung z. B. 190 cm , stellt sich die Frage der Bewertung dieser Leistung. Eine solche Bewertung erhält man mittels eines Vergleichs des Messwertes mit einer anderen Skala, der so genannten Normskala. Dort ist zu ersehen, dass die erbrachte Leistung dem Durchschnitt entspricht. Ohne solche Vergleichsmaßstäbe (Normskalen) könnten solche Aussagen nicht getroffen werden.
Für viele Leistungen gibt es allerdings noch keine Normskala. Von daher werden in der Schule häufig die Klassen-, Kursleistungen als Normskala für individuelle Bewertungen herangezogen. Dieses Verfahren ist aber problematisch, da die gleichen Leistungen in einer „sportlichen“ Klasse relativ betrachtet schlechter beurteilt werden als in einer „unsportlichen“. Insofern ist es wichtig, dass es für die Beurteilung einer Leistung festgelegte Kriterien (aufgestellt von der Fachkonferenz) oder statistisch abgesicherte Normentabellen gibt.
Wie schwierig das Messen und Bewerten sein kann, soll am Beispiel einer „Fitnessüberprüfung“ deutlich gemacht werden. Zunächst stellt sich die Frage was eigentlich der Begriff Fitness beinhaltet (Definitionsproblem), danach müssen geeignete Tests ausgewählt werden (Messproblem) und anschließend die Frage beantwortet werden, was nun eine gute Fitness ist (Bewertungsproblem).
Für die Steuerung eines Trainings sind sportmotorische Testverfahren (Messverfahren) unerlässlich. Zu Beginn eines Trainingsprozesses muss immer eine Statusdiagnostik (Eingangsdiagnostik zur Ermittlung des aktuellen Leistungszustandes) erfolgen. Erst dann kann ein Training auf die individuellen Fähigkeiten (und somit die richtige Belastung) abgestimmt werden. Genauso wichtig für die Trainingssteuerung ist die Veränderungsdiagnostik (Wiederholung des Tests zur Feststellung des neuen Leistungszustandes). Nur so kann die Effektivität des Trainingsprozesses deutlich gemacht werden (Bewertung). Liegt keine Verbesserung vor muss über das Training und die Trainingsmethode reflektiert werden.
Diagnostische Verfahren im Sport
Der sportliche Leistungszustand kann mit unterschiedlichen Verfahren gemessen werden. Die Leistung ist dabei immer das sichtbare Resultat eines Bewegungsvollzuges.
Eine Unterscheidung der diagnostischen Verfahren orientiert sich z. B. am
- Grad der Wissenschaftlichkeit (Alltagsdiagnostik versus wissenschaftlicher Methode)
- Messverfahren (Test, apparative Diagnose)
Die Alltagsdiagnose, die auch von Laien durchgeführt wird, ist das einfachste Verfahren. Hier wird aufgrund von Bewegungsbeobachtung auf die Qualität der Leistung (die ist aber schnell, der ist aber fit) geschlossen. Da solche Urteile von Laien, zumeist ohne Festlegung von Kriterien getroffen werden, sind sie nur bedingt aussagekräftig.
Die apparativen Messverfahren (Geräte zur Messung von Kräften: mechanische Verfahren wie z.B. Maßband oder Balkenwaage , optische wie z.B. Foto oder Video und elektronische wie z.B. Lichtschranken oder Winkelmessungen) bilden die komplexeste Möglichkeit Lei-stungen zu messen. Solche Verfahren werden von Experten angewendet und geben präzise Informationen. Sie haben ihre Bedeutung im Hochleistungssport für den Schulsport sind sie ungeeignet, da sie zu zeit- und kostenaufwendig sind.
Für den Schulsport sind die sportmotorischen Testverfahren eine sinnvolle Methode. Sie sind nicht so präzise wie die apparativen Messverfahren, sie sind aber meist einfach und ökonomisch durchführbar und genauer als die Alltagsdiagnose.
Bei sportmotorischen Tests werden bestimmte Bewegungsaufgaben (soviel Liegestütze wie möglich) gestellt und nach feststehenden Kriterien (Beugen der Arme bis zu einem bestimmten Winkel, anschließend Durchstrecken) erfasst. Aus dem Testwert (= Indikator) wird dann auf eine zugrunde liegende Fähigkeit geschlossen. Beim o. a. Beispiel wäre die Anzahl der erreichten Liegestütze ein Indikator für die Kraftausdauerfähigkeit der Arm- und Schultermuskulatur. Mit Hilfe einer Normskala kann nun abgelesen werden, ob das Testergebnis sehr gut oder nur ungenügend ist.
Normierung: Die Erstellung von Normen geschieht an einer umfangreichen, möglichst repräsentativen Personengruppe in einer bestimmten Altersstufe. Die Ergebnisse werden dann in gut, mittel, schlecht oder noch differenzierter unterteilt und die erreichten Punktwerte werden aufgeteilt. Personen, die später den Test machen, können sich anhand dieser Einteilung (= Normierung) in ihrer Leistung einordnen.
Damit man gute von schlechten Tests unterscheiden kann, wurden Kriterien entwickelt, nach denen Tests beurteilt werden können. Diese Kriterien nennt man Testgütekriterien (Objektivität, Reliabilität, Validität). Sie entscheiden über die Qualität eines Tests und gewährleisten einen wissenschaftlich abgesicherten Testverlauf.
- Objektivität bezeichnet den Grad der Genauigkeit von Testergebnissen im Sinne der Unabhängigkeit von Personen (Versuchsleiter, Auswerter). Egal, wer die Bewegung beurteilt, das Ergebnis fällt gleich aus. Das erfordert eine klare Aufgabenstellung und gleiche Bedingungen bei der Durchführung.
- Reliabilität bezeichnet die Zuverlässigkeit bei der Messung d.h. ein Zollstock ist reliabler als ein Maßband aus Gummi (eine Testwiederholung nach einiger Zeit das gleiche oder ein ähnliches Ergebnis bringt).
- Validität drückt die Gültigkeit eines Tests aus, d. h. sie gibt an, wie gut ein Test das misst, was er zu messen vorgibt. Dies wird durch Experten überprüft. Sind sie sich einig, dass das Verfahren auch wirklich die zu messende Eigenschaft misst, so wird der Test als inhaltlich valide eingestuft. Somit kann man sagen, dass das Kriterium der Validität am wichtigsten ist.